Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


3. Mai 1604:
"Je weiter ich äußerlich von Ihnen entfernt bin,
desto mehr fühle ich mich innerlich mit Ihnen verbunden"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 43-45


Annecy, 3. Mai 1604.

Gnädige Frau!

Dieses Schreiben soll Sie noch mehr versichern, daß ich mein Versprechen, Ihnen, sooft ich nur kann, zu schreiben, auch sorgfältig erfüllen will. Je weiter ich äußerlich von Ihnen entfernt bin, desto mehr fühle ich mich innerlich mit Ihnen verbunden.

Ich werde nie aufhören, Gott zu bitten, daß er in Ihrer Seele sein heiliges Werk vollbringe (vgl. Phil 1,6) und Ihr tiefes Verlangen erfülle, zur Vollkommenheit christlichen Lebens zu gelangen. Lieben Sie es und nähren Sie es inniglich im Herzen. Ist es doch ein Werk des Heiligen Geistes und ein Funke seines göttlichen Feuers.

In Rom sah ich einen Baum, den St. Dominikus gepflanzt hatte; jeder Besucher schaut ihn gerne an aus Liebe zu dem, der ihn gepflanzt. So habe auch ich in Ihrer Seele den Baum des Verlangens nach Heiligkeit wahrgenommen, den der Herr selbst gepflanzt hat. Ich liebe diesen Baum sehr und betrachte ihn mit Freude – jetzt noch mehr als bei unserem Zusammensein.

Machen Sie es bitte so wie ich und sagen Sie: „Gott schenke dir Wachstum, edles Reis! Er lasse reife Früchte aus dir sprossen, du göttliches Samenkorn (vgl. Ps 1,3)! Und wenn du einmal solche trägst, bewahre er dich vor dem Sturm, der sie zu Boden schüttelt, wo häßliche Tiere sie verzehren."

Gnädige Frau, Ihr Verlangen nach Vollkommenheit gleiche den Orangenbäumen an der Küste von Genua. Sie tragen fast das ganze Jahr hindurch Früchte, Blüten und Blätter zugleich. So soll auch Ihr Streben Früchte bringen in den vielen Gelegenheiten des Alltags; es muß aber auch stets neue und höhere Ziele ins Auge fassen: dies sind die Blüten des Baumes; den Blättern vergleichbar ist das häufige Bewußtsein der eigenen Schwäche, das unseren guten Werken und Wünschen immer Bestand gibt.

Das Verlangen nach Vollkommenheit ist die erste Säule Ihres Heiligtums.

Die zweite ist Ihre Liebe zum Witwenstand, eine heilige und begehrenswerte Liebe. Die Gründe hiefür sind zahlreich wie die Sterne am Himmel. Witwenschaft, die nicht geliebt wird, ist gering zu werten und unecht. Der hl. Paulus (1 Tim 5,3) befiehlt, „die Witwen zu ehren, die es wirklich sind". Die aber keine Liebe zu ihrer Witwenschaft haben, sind Witwen nur dem Scheine nach. Ihr Herz ist verheiratet. Von solchen aber gilt nicht das Wort: „Mit reichem Segen will ich der Witwe gedenken" (Ps 132,15); oder jenes im Psalm 68,6 und Psalm 146,9, wo es heißt, daß Gott der Richter, Beschützer und Anwalt der Witwen ist. Dank sei Gott, daß er Ihnen diese kostbare und heilige Liebe geschenkt hat. Lassen Sie diese immer mehr wachsen! Dann wird auch Ihre Freude daran immer größer werden, denn all Ihr Glück ruht ganz auf diesen beiden Säulen.

Überprüfen Sie wenigstens einmal im Monat, ob die eine oder andere erschüttert wurde. Sie können sich dabei einer frommen Betrachtung und Erwägung bedienen, ähnlich der, die ich mit einigem Erfolg auch schon anderen, meiner Führung anvertrauten Personen mitgeteilt habe. Ich lege Ihnen eine Abschrift bei, doch brauchen Sie sich nicht genau daran halten. Dazu schicke ich sie Ihnen nicht, sondern nur, damit Sie sehen, worauf sich diese monatliche Erforschung und Prüfung richten soll. Es soll Ihnen eine Hilfe bieten. Wollten Sie aber diese Betrachtung doch lieber wiederholen, so wird sie Ihnen nicht ohne Nutzen sein.

Aber ich sage wieder: nur wenn Sie es gern wollen; denn in allem und über alles wünsche ich, daß Sie für den Gebrauch der Mittel zu Ihrer Heiligung eine heilige Freiheit des Geistes walten lassen. Wichtig ist nur, daß die beiden Säulen fest und gesichert bleiben. Das „Wie" ist dabei unwesentlich.

Hüten Sie sich vor Skrupeln! Verlassen Sie sich ganz auf das, was ich Ihnen schon mündlich sagte; denn ich habe es Ihnen im Herrn gesagt. Halten Sie sich ganz fest in Gottes Gegenwart. Tun Sie es mit allen Mitteln, die Sie kennen. Hüten Sie sich vor Hast und Unruhe, denn nichts hindert den inneren Fortschritt mehr als dies. Versenken Sie ohne Gewalt und ganz ruhig Ihr Herz in die Wunden des Herrn. Haben Sie unbegrenztes Vertrauen, daß seine Barmherzigkeit und Güte Sie nie verlassen wird. Hören Sie darob nicht auf, sein heiliges Kreuz zu umfassen.

Nach der Liebe zu unserem Herrn empfehle ich Ihnen sehr die Liebe zu seiner Braut, der Kirche. Sie ist die edle und sanfte Taube, die als einzige ihrem göttlichen Bräutigam Kinder zu schenken vermag. Danken Sie Gott oft und oft für die Gnade, eine „Tochter der Kirche" sein zu dürfen. So tat es Mutter Theresia, die dieses Wort auf dem Sterbebett immer wieder mit großer Freude aussprach. Richten Sie Ihre Blicke auf den Bräutigam und die Braut; sagen Sie zum Herrn: „Wie schön ist doch Deine Braut!" und zu ihr: „O Braut, welches Glück, einem göttlichen Herrn vermählt zu sein!"

Nehmen Sie warmen Anteil an den Aufgaben derer, die in der Seelsorge arbeiten und das Wort Gottes verkünden. Schauen Sie, wie sie überall wirken und wie es heute kein Land und keinen Erdteil gibt, wo sie sich nicht um die Seelen mühten. Beten Sie für sie, daß ihre Arbeit den Menschen und ihnen selbst zum Segen sei. Hier darf ich Sie sehr bitten, auch mich nicht zu vergessen, zumal mir Gott solch festen Willen eingab, auch Ihrer nie zu vergessen.

Ich sende Ihnen eine Schrift über die Vollkommenheit christlichen Lebens. Sie ist nicht für Sie geschrieben, sondern für verschiedene andere Personen. Aber Sie werden sehen, wieweit sie auch Ihnen dienen kann.

Schreiben Sie mir bitte, so oft Sie können, und tun Sie es ganz vertrauensvoll. Mir liegt doch Ihr Wohl und Ihr Fortschritt so sehr am Herzen, daß ich mir Sorgen machen würde, wäre ich längere Zeit ohne Nachricht, wie es Ihnen geht. Empfehlen Sie mich im Gebet dem Herrn! Ich bedarf dessen mehr als irgend jemand. Ich will Gott sehr darum bitten, er möge Ihnen und den Ihren in reichem Maße seine Liebe schenken.

Ich bin auf immer (und ich bitte mich auch als solchen zu betrachten), Ihr in Jesus Christus ganz ergebener Diener

Franz, Bischof von Genf.

Annecy, am Tag des heiligen Kreuzes 1604.

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