Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


14. Juni 1604:
"Die Länge dieses Briefes zeigt Ihnen, wie gerne meine Seele mit der Ihren spricht"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 46-48


Annecy, den 14. Juni 1604.

Gnädige Frau!

Ihr Brief vom 30. Mai bereitete mir große Freude, und zwar alles, was Sie mir schreiben: erstens, daß Sie meiner in Ihren Gebeten gedenken; das bezeugt Ihre Liebe. Zweitens, daß Sie sich meiner Fastenpredigten noch gut erinnern. Wenn auch mein Anteil daran nur Unvollkommenheit war, so war es doch immerhin Gottes Wort, dessen Erinnerung Ihnen nur sehr nützlich sein kann. Freude machte es mir auch zu sehen, mit welchem Eifer Sie nach Vollkommenheit verlangen, was ja bereits eine gute Grundlage ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Dies alles war für mich eine große Freude, besonders auch die Erwähnung, der hochwürdige Herr Pater, den Gott Ihnen als Führer gegeben, hätte es für sehr gut befunden, daß Sie mir in Dijon Ihre Seele eröffneten; ja daß er es sogar für gut hielte, wenn Sie mir ab und zu schrieben.

Sie werden sich noch erinnern, gnädige Frau, daß ich Ihnen dies schon sagte, als Sie von Ihrer Befürchtung sprachen, Sie könnten ihn verletzt haben. Sie waren besorgt, weil Sie von mir mündlich einige Ratschläge über die inneren Schwierigkeiten empfingen, die Sie im heiligen Gebet verwirrten. Ich sagte Ihnen damals schon, daß Sie damit keinen Fehler begangen haben, zumal Sie dieses Übel sehr bedrängte und Ihr Seelenführer gerade abwesend war. Ich wies darauf hin, daß dies doch keineswegs einen Wechsel des Seelenführers bedeutete, was für Sie nur sehr nachteilig gewesen wäre. Sie hatten sich ja nur erleichtern wollen, weil Ihr Seelenführer nicht erreichbar war. Meine Ratschläge bezogen sich auch nur auf dieses augenblickliche Übel, das eine sofortige Hilfe erforderlich machte, und wollten daher in keiner Weise der Gesamtleitung durch Ihren eigentlichen Seelenführer vorgreifen.

Was nun Ihre andere Angst betrifft, mich um meine Ansicht über Ihre ganze Lebensführung befragt zu haben, so muß ich Ihnen gleichfalls sagen: auch darin haben Sie nicht gegen die Gesetze der Unterwerfung verstoßen, wie sie religiöse Menschen ihrem geistlichen Vater schulden. Meine Ratschläge wollten nicht mehr Geltung beanspruchen als irgendeine religiöse Schrift, deren Befolgung doch immer dem Urteil Ihres gewöhnlichen Seelenführers überlassen bleiben müßte. Dieser hat Sie immer vor Augen, besitzt auch eine größere Klarheit des Urteils und eine tiefere Kenntnis Ihrer Eigenschaften. Das alles gibt ihm die Möglichkeit, Sie besser zu führen, als ich es mit dem könnte, was ich bin.

Außerdem sollten die Ratschläge, die ich Ihnen erteilen wollte, ganz im Einklang mit denen Ihres Seelenführers sein. Erinnern Sie sich doch dessen, was ich Ihnen sagte, als Sie mir seinen Namen nannten; nämlich, daß er mich kenne und mich sogar einmal durch die Versicherung seiner Freundschaft geehrt habe. Erinnern Sie sich auch, wie ich Ihnen sagte, er würde ganz sicher nichts Unrechtes daran finden, daß Sie mit mir in Verbindung getreten seien. So sehr zählte ich ihn zu meinen Freunden.

Sie sehen also, gnädige Frau, daß ich dies wohl erwog, ja kaum Zeit und Überlegung brauchte, um zu diesem Schluß zu kommen. Ich freue mich, wenn Sie nun erkannt haben, daß Menschen, die einig sind in der Absicht, Gott zu dienen, auch in Neigung und Urteil kaum weit voneinander abweichen.

Ich billige durchaus Ihre tiefe Ehrfurcht vor dem Seelenführer, ja ich lege Ihnen dies auch weiter sehr ans Herz. Aber lassen Sie mich doch noch ein Wort über dieses Thema sagen: Jener ehrfurchtsvolle Gehorsam soll Sie zweifellos in der frommen Lebensführung, die Sie verheißungsvoll begannen, fördern. Er darf jedoch die rechte Freiheit, die der Geist des Herrn den Seinen verleiht (2 Kor 3,17), weder hemmen noch ersticken.

Gewiß verstößt es keineswegs gegen die dem Seelenführer geschuldete Ehrfurcht, wenn man Ratschläge und Weisungen anderer annimmt und sich in Abwesenheit des Seelenführers an sie wendet, vorausgesetzt, daß der Seelenführer und seine Autorität immer den Vorrang hat. Gott sei gepriesen!

Diese Zeilen sollten Sie wieder an alles erinnern, was ich Ihnen schon mündlich gesagt habe. Ich fügte nur einige Gedanken hinzu, die mir beim Schreiben kamen, um meine Meinung über Ihre Skrupel klar auszudrücken. Wenn Sie in der nächsten Aussprache Ihrem Seelenführer diese meine Auffassung vorlegen werden, wird er hierin genau so mit mir einig gehen, wie in den übrigen Fragen. Dies wage ich wohl zu behaupten. Aber ich überlasse es auch hier Ihrem Urteil, ob Sie darüber mit ihm sprechen wollen oder nicht. Ich würde Sie aber sehr bitten, ihm meine Grüße zu vermitteln und ihn meiner Ergebenheit zu versichern. Lange bevor ich ihn persönlich kennen gelernt hatte, schätzte ich ihn schon sehr hoch. Als ich nun mit ihm bekannt wurde, wuchs meine Zuneigung für ihn noch mehr. Als ich aber seine Erfolge in Dijon sah (denn Sie sind nicht die Einzige!), war ich ihm so sehr von Herzen zugetan, als er es sich von mir nur wünschen konnte. So bin ich ihm und ihm in Ihnen und beiden in Jesus Christus tief verbunden.

Der Herr Erzbischof2 schrieb mir einen so außergewöhnlich wohlwollenden Brief, daß es mich in meiner Armseligkeit bedrückt. Man muß es seiner Höflichkeit und echt menschlichen Güte nachsehen; doch Ihnen gegenüber muß ich es beklagen, bringt es mich doch in Gefahr, eitel zu werden ...

Da Ihnen übrigens Ihr Seelenführer erlaubt, mir hin und wieder zu schreiben, tun Sie es bitte ganz ruhig, auch wenn es Ihnen schwierig ist. Es ist ja ein Werk der Nächstenliebe: Mein Amt und meine Arbeit sind so schwer, daß ich ein gewisses Mittragen durch andere brauche. So wird es mir immer Erleichterung bringen, im Trubel so vieler ärgerlicher und unangenehmer Geschäfte Nachricht von Menschen wie Ihnen zu erhalten. Das ist für meine Seele wie frischer Tau.

Die Länge dieses Briefes zeigt Ihnen, wie gerne meine Seele mit der Ihren spricht. Gott gebe uns die Gnade, in seiner Liebe zu leben und – wenn es ihm gefällt – für seine Liebe zu sterben. Dies ist mein Gebet ...

Gott sei Ihr Herz und Ihre Seele, gnädige Frau, und ich bin Ihr ganz ergebener und wohlgeneigter Diener ...

zurück