Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


24. Juni 1604:
"Ich spüre in mir den starken und entschiedenen Willen,
Ihrer Seele mit allen meinen Kräften zu dienen"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 48-52


Annecy, 24. Juni 1604.

Gnädige Frau!

Der andere Brief sollte den guten Pater zufriedenstellen, dem Sie diesen Brief ja zeigen wollten. Ich stopfte ihn voll mit vielerlei Dingen, um jeden Verdacht zu zerstreuen, er könnte in bestimmter Absicht geschrieben sein. Er ist aber trotzdem ganz wahrhaftig und aufrichtig geschrieben, wie es ja meine Pflicht ist; nicht aber mit soviel Freiheit wie dieser Brief, in dem ich von Herz zu Herz mit Ihnen sprechen möchte.

Man wollte Sie mit der Behauptung ängstigen, daß man nur einen geistlichen Vater haben dürfe, dessen Autorität in allem den Vorrang vor dem eigenen Willen und vor den Ratschlägen irgendwelcher Privatpersonen haben soll. Das ist wohl wahr, hindert aber keineswegs, daß eine Seele sich einer anderen erschließt und manch guten Rat und Wink auch von anderen annimmt.

Kurz bevor ich Ihren Brief erhielt, nahm ich in den Abendstunden ein Buch über die gute Mutter Theresia3 zur Hand, um meine Seele von des Tages Mühen zu entspannen. Ich las darin, daß sie ein eigenes Gelübde abgelegt hatte, Pater Gratian aus dem Karmeliterorden zu gehorchen und sich das ganze Leben hindurch seinen Weisungen zu fügen, sofern sie nicht im Widerspruch zu Gott oder zum Gehorsam gegenüber den rechtmäßigen kirchlichen oder Ordensoberen stünden. Daneben aber hatte sie immer Priester, denen sie besonderes Vertrauen schenkte. Sie sprach sich bei ihnen aus, befolgte gewissenhaft ihre Weisungen und machte sich diese in allem zunutze, was nicht dem gelobten Gehorsam entgegen war. Das tat ihr sehr gut, wie sie selber an mehreren Stellen ihrer Schriften bezeugte.

Mögen Sie daraus ersehen, daß die Wahl eines bestimmten geistlichen Vaters keineswegs das Vertrauen zu anderen und eine Aussprache mit ihnen ausschließt. Voraussetzung ist nur, daß der gelobte Gehorsam den gebührenden Platz einnimmt und den Vorrang hat.

Geben Sie sich bitte damit zufrieden und quälen Sie sich nicht weiter mit dem Gedanken, welche Stellung Sie mir geben sollen. Dies ist alles nur Versuchung und sinnlose Grübelei. Was liegt schon daran, zu wissen, ob Sie mich für Ihren geistlichen Vater halten dürfen oder nicht, wenn Sie nur wissen, wie meine Seele zu Ihnen steht – und wenn ich weiß, was Ihre Seele mir bedeutet?

Ich sehe, daß Sie volles Vertrauen in meine Zuneigung setzen. Daran zweifle ich nicht im mindesten und es macht mir viel Freude. Sie sollen auch wissen und fest daran glauben: ich spüre in mir den starken und entschiedenen Willen, Ihrer Seele mit allen meinen Kräften zu dienen. Ich bin nicht imstande, Ihnen die Art und Größe meiner Liebe zum Dienst an Ihrer Seele zu schildern; eines kann ich Ihnen wohl sagen: ich glaube, sie stammt von Gott. Darum will ich sie innig hegen, zumal ich erkenne, daß sie täglich tiefer wird. Wenn es anginge, würde ich Ihnen noch mehr sagen – und dies der Wahrheit gemäß, aber ich muß es dabei bewenden lassen.

Aber Sie sehen jetzt schon deutlich genug, liebe gnädige Frau, in welchem Ausmaß Sie meine Dienste in Anspruch nehmen dürfen und wie sehr Sie Vertrauen zu mir haben können. Nützen Sie meine Zuneigung und gebrauchen Sie alles, was Gott mir zum Dienst an Ihrer Seele gegeben hat. Ich bin ganz der Ihre. Machen Sie sich keine Gedanken mehr darüber, in welcher Eigenschaft und in welcher Rangordnung ich dies nun bin. Gott hat mich Ihnen gegeben. Nehmen Sie mich in ihm als den Ihren an und nennen Sie mich, wie Sie wollen. Das hat keinerlei Bedeutung.

Doch muß ich Ihnen noch sagen, um alle Einwände, die sich in Ihrem Herzen erheben könnten, sogleich im Keime zu ersticken: Ich habe niemals beabsichtigt, daß eine Bindung zwischen uns bestehen solle, die irgendwelche Verpflichtungen nach sich zieht, außer solche, die sich aus der Nächstenliebe und aus wahrer christlicher Freundschaft ergeben, deren Band der hl. Paulus (Kor 3,14) „das Band der Vollkommenheit" nennt. So ist es in Wahrheit; denn dieses Band ist unlöslich und lockert sich nie. Alle anderen Bindungen währen nur in der Zeit, ja selbst das Gelübde des Gehorsams, das Tod und andere Umstände lösen. Das Band der Liebe hingegen festigt sich mit der Zeit und schöpft stets neue Kraft aus seiner Dauer. Es ist das einzige Band, das der Tod nicht zerreißt. Sonst mäht seine Sense alles nieder, nur die Liebe bleibt bestehen. „Die Liebe ist stark wie der Tod" und „stärker als die Hölle", sagt Salomo (Hld 8,6; vgl. 1 Kor 13,8).

Sehen Sie, meine liebe Schwester – erlauben Sie mir, daß ich Sie mit diesem Namen anrede, durch den schon die Apostel und die ersten Christen ihre herzliche Liebe zueinander ausdrückten, – das ist unser Band, das sind unsere Ketten. Je mehr sie uns zusammenschließen und zusammenhalten, desto mehr Wohlsein und Freiheit werden sie uns schenken. Ihre Kraft ist mild und sanft ihre Gewalt; nichts ist so schmiegsam, nichts aber auch so fest.

Betrachten Sie mich denn als ganz eng mit Ihnen verbunden und machen Sie sich weiter keine Sorgen. Es genügt für Sie zu wissen, daß unsere Bande keiner anderen Bindung entgegenstehen, weder einem Gelübde noch dem Band der Ehe. Bleiben Sie also in dieser Hinsicht ganz ruhig. Gehorchen Sie Ihrem ersten Führer kindlich und frei, bedienen Sie sich aber meiner in Liebe und Offenherzigkeit.

Nun will ich noch auf einen anderen Punkt Ihres Briefes eingehen. Sie fürchten, irgendwie unaufrichtig gewesen zu sein, als Sie bekannten, Sie hätten sich bei mir ausgesprochen und mich um Rat gebeten. Ich freue mich, daß Sie List und Doppelzüngigkeit verabscheuen. Es gibt auch kaum etwas, das dem Wohlbefinden und der Anmut der Seele mehr entgegengesetzt wäre. Aber in Ihrem Fall ist doch von Doppelzüngigkeit keine Rede! Selbst wenn Sie wegen Ihrer skrupelhaften Ängstlichkeit, mir Ihr Herz aufzuschließen und um Rat zu bitten, einen kleinen Fehler begangen hätten, so hatten Sie ihn doch nachher wieder hinreichend gutgemacht, so daß Sie nicht mehr verpflichtet waren, es irgend jemand zu sagen. Dennoch lobe ich Ihre Einfachheit und ich freue mich, daß Sie es – wie alles andere – offen bekannten. Halten Sie aber künftig fest an meiner Entscheidung: Was im Geheimnis der Beichte gesagt wird, ist derart heilig, daß es außerhalb der Beichte nicht besprochen werden soll. Wenn also jemand fragt, ob Sie dies oder jenes, was Sie unter dem heiligen Siegel der Beichte offenbarten, gesagt haben, dürfen Sie getrost und ohne Gefährdung der Aufrichtigkeit „Nein" sagen! Hier gibt es keine Schwierigkeit. Nun gut! Gott sei gepriesen! Es ist mir lieber, Sie gehen in der Offenheit zu weit, als daß sie Ihnen mangelte. Ein anderes Mal jedoch bleiben Sie fest und halten Sie das, was mit dem sakramentalen Schleier verhüllt ist, für nicht gesagt und reden Sie mit anderen nicht darüber. Machen Sie sich aber jetzt keine Gewissensbisse. Sie haben dadurch, daß Sie es sagten, keine Sünde begangen, wenn Sie auch besser getan hätten zu schweigen. Die Ehrfurcht vor dem Sakrament sollte so groß sein, daß von dem, was darin gesagt wird, außerhalb der Beichte nicht gesprochen wird. Ich erinnere mich noch gut, wie wir über dieses Thema zum ersten Mal sprachen.

Sie schreiben, daß ich vielleicht die Freude haben werde, Sie im September wiederzusehen. Das wird ein sehr froher Tag für mich sein, zumal ich auch Frau Brulart und Fräulein von Vilars treffen werde. Wenn Sie mich benachrichtigen, werde ich trachten, Ihnen so viel Zeit als möglich zu widmen. Ich will Gott sehr bitten, daß ich Ihnen allen in dem Maße dienen kann, als ich Sie lieb habe.

Ich mußte mehr als zwölfmal zur Feder greifen, um Ihnen diese beiden Blätter zu schreiben. Es schien mir, als wollte der böse Feind durch Ablenkung und Geschäfte mich daran hindern. Legen Sie die Länge dieses Briefes nicht falsch aus. Sie war notwendig, um neue Einwände und Skrupeln – wie sie bei Frauen immer wieder aufsteigen – zu entkräften. Hüten Sie sich davor, ich bitte Sie darum. Und haben Sie guten Mut!

Wenn Sie Unangenehmes befällt, mag es von innen oder außen kommen, nehmen Sie Ihre zwei Entschlüsse, welche die beiden Säulen des Gebäudes der Vollkommenheit sind, fest in die Hand. Handeln Sie wie eine Mutter, die ihre Kinder vor einer Gefahr rettet. Bergen Sie Ihre Entschlüsse in den Wunden des Herrn! Bitten Sie ihn, er möge diese für Sie behüten und Sie selber mit ihnen! Und warten Sie in diesem heiligen Versteck (Hld 2,14), bis der Sturm vorüber ist.

Sie werden Widersprüche und Bitterkeiten erfahren. Wehen und Schmerzen der geistigen Geburt sind nicht geringer als die der körperlichen! Sie haben beides schon mitgemacht. Ich habe mich inmitten meiner kleinen Schwierigkeiten schon oft mit den Worten des Herrn ermutigt: „Wenn die Frau gebiert, leidet sie Not, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind zur Welt gebracht hat, denkt sie nicht mehr an die Not vor lauter Freude, daß ihr ein Kind geboren ist" (Joh 16,21). Ich glaube, diese Worte werden auch Sie trösten, wenn Sie sie still betrachtend oft wiederholen. Unsere Seelen sollen, nicht aus sich heraus, sondern in sich hinein ein Kind gebären, ein edles und schönes Kind, wie man es lieblicher nicht wünschen kann; Jesus soll in uns geboren werden. Er soll in uns Gestalt gewinnen (vgl. Gal 4,19). Sie, meine liebe Schwester, tragen ihn schon in Ihrem Herzen. Gott sei gepriesen, der sein Vater ist. Nur Mut, man muß viel leiden, um dieses Kind zur Welt zu bringen. Doch ist es wert, daß man diese Schmerzen auf sich nimmt. Nur so können Sie es besitzen und ihm Mutter sein.

Nun habe ich Ihnen aber schon allzuviel erzählt. Ich will schließen mit der Bitte an dieses göttliche Kind, es möge Ihnen seine Gnade und Huld schenken und uns für ihn oder doch wenigstens in ihm sterben lassen. Erbitten Sie diese Gnade auch für mich, gnädige Frau! Ich bin ja ein armer Mensch, beladen mit eigener und fremder Last. Sie wäre untragbar, wenn er selbst, der mich mit allen meinen Sünden einst am Kreuz trug (vgl. 1 Petr 2,24), mich nicht auch in den Himmel trüge.

Indessen feiere ich nie das heilige Meßopfer, ohne Ihrer und der Anliegen Ihres Herzens zu gedenken. Ich empfange nie unseren Herrn in der heiligen Kommunion ohne Sie. Kurz, ich bin so sehr der Ihre, wie Sie es mehr nicht wünschen könnten.

Hüten Sie sich vor Überhastung, Melancholie und Ängstlichkeit! Sie wollen doch um nichts in der Welt Gott beleidigen. Das genügt, um frohen Herzens zu leben.

Meine liebe Mutter und alle meine Geschwister sind Ihnen sehr ergeben. Sie läßt Ihnen aufrichtig danken für Ihr Wohlwollen. Auch mein Bruder fühlt sich Ihnen dankbar verbunden, weil Sie sich seiner erinnern. Er gedenkt Ihrer stets am Altar. Er ist gerade abwesend, da ich diesen Brief schreibe. Ich wünschte gerne Namen und Alter Ihrer Kinder zu wissen, weil ich sie in Gott als die meinen ansehe.

Ich wage es nicht, die von Ihnen genannten Damen zur Reise zu drängen. Es wäre nicht schicklich. Doch ich wünsche ihre Reise sehr und freue mich jetzt schon auf Ihr Kommen.

Ich bleibe, gnädige Frau,

Ihr ganz geringer und ergebener Diener im Herrn ...

Am Fest des hl. Johannes 1604.

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