Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


14. Oktober 1604:
"ALLES AUS LIEBE, NICHTS AUS ZWANG"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 52-67


Es lebe Jesus!

Sales, den 14. Oktober 1604.

Gnädige Frau!

Gebe Gott, daß ich mich in diesem Brief so verständlich machen kann, wie ich es gerne möchte. Dann wäre ich überzeugt, daß Sie wenigstens in einigen der vorgelegten Fragen beruhigt wären, vor allem in jenen beiden Bedenken, die der böse Feind Ihnen dagegen vormacht, daß Sie mich zu Ihrem geistlichen Vater gewählt haben. Aber nun will ich Ihnen, so gut ich kann, mit wenigen Worten sagen, was Sie meiner Ansicht nach darüber wissen müssen.

Fürs erste: Die von Ihnen getroffene Wahl weist alle Zeichen einer guten und rechtmäßigen Entscheidung auf. Zweifeln Sie doch nicht mehr daran, ich bitte Sie! Solche Zeichen sind: das starke Drängen Ihres Herzens, das Sie fast mit Gewalt und doch wieder voll Freude dahin geführt hat; ferner meine eigene, der Einwilligung vorausgegangene gründliche Überlegung; dann die Tatsache, daß weder Sie noch ich uns auf das eigene Urteil verließen, sondern Ihren guten, klugen und erfahrenen Beichtvater4 befragten; außerdem, daß wir dem ersten inneren Drängen Zeit ließen, sich abzukühlen, für den Fall, daß es unbegründet gewesen wäre; endlich, daß dieser Entscheidung doch auch das Gebet nicht bloß eines oder zweier Tage, sondern mehrerer Monate vorausgegangen war; das alles sind ohne Zweifel untrügliche Zeichen, daß hier Gottes Wille geschah.

Die Antriebe des bösen Feindes oder des menschlichen Geistes sind ganz anderer Natur. Sie sind gewaltig und heftig, aber ohne Beständigkeit. Vor allem suchen sie die Seele, die sich von ihnen angetrieben fühlt, dahin zu bringen, auf keinen Rat zu hören; oder wenn schon, dann nur auf die Ratschläge von Menschen mit wenig oder keiner Erfahrung. Sie drängen zur Eile und wollen, daß man entscheide, bevor man überlegt hat. Sie geben sich mit einem kurzen Gebet zufrieden, das nur als Vorwand dient, Dinge von größter Wichtigkeit zu unternehmen.

In unserem Falle trifft dies alles nicht zu. Weder Sie noch ich haben diese Abmachung getroffen. Ein Dritter tat es, der dabei nur auf Gott allein schauen konnte. Schon mein anfängliches Zögern, das nur davon herrührte, daß ich es gründlich überlegen mußte, sollte Sie vollständig überzeugen. Glauben Sie doch, es fehlte nicht an tiefer Neigung zum Dienste Ihrer Seele, – sie war unsagbar stark – ich wollte aber in einer so folgenschweren Angelegenheit weder Ihrem Wunsch noch meiner Neigung, sondern nur Gott und seiner Vorsehung folgen. Lassen Sie es bitte dabei bewenden und diskutieren Sie darüber nicht mehr mit dem Feind. Sagen Sie ihm entschieden, daß Gott es so fügte und wollte (vgl. Ps 115, 11; 135,6). Gott lenkte Sie hin zur ersten Führung, die damals für Sie gut war; Gott führte Sie nun zur zweiten, die er auch für Sie nützlich und fruchtbringend machen wird, mag auch das Werkzeug unwürdig sein.

Nun fürs zweite: Bedenken Sie auch, meine sehr liebe Schwester, daß mir Gott vom ersten Augenblick, da Sie mir Einblick in Ihre Seele gewährten, eine große Liebe zu ihr gab. Ich sagte es Ihnen soeben. Als Sie sich mir noch mehr erschlossen, war dies für meine Seele wie eine wunderbare Bindung, die Ihre immer mehr zu lieben. Deshalb schrieb ich Ihnen, daß Gott mich Ihnen gegeben habe. Ich meinte damals, daß diese Zuneigung, die ich im Geiste und vor allem im Gebet für Sie empfand, nicht mehr größer werden könnte. Nun aber, meine liebe Tochter, scheint mir etwas Neues hinzugekommen zu sein, das ich nicht beschreiben kann, dessen Wirkung aber das Empfinden einer großen inneren Freude ist, Ihnen die vollkommene Gottesliebe und all die Segnungen des geistlichen Lebens zu wünschen. Nein, ich übertreibe nicht im geringsten. Ich sage es vor dem Gott meines und Ihres Herzens (vgl. Ps 73,26): Jede Liebe hat ihre Besonderheit, wodurch sie sich von jeder anderen unterscheidet. Jene, die ich zu Ihnen hege, hat dies an sich, daß sie mich unendlich erfreut und – um alles zu gestehen – von größtem Nutzen für mich selbst ist. Glauben Sie mir das! Es ist die volle Wahrheit. Hegen Sie also keine Zweifel mehr. Ich wollte an sich darüber nicht so viel reden, aber ein Wort ergibt das andere. Ich denke aber, Sie werden vorsichtig damit umgehen.

Von großer Bedeutung, meine Tochter, scheint mir dies: In Nachahmung ihres Bräutigams lehrt uns die heilige Kirche Gottes, nicht für uns allein zu beten, sondern immer für uns und unsere Brüder in Christus: „Gib uns", betet sie, „gewähre uns", und mit ähnlichen Worten, die mehrere umfassen. Es ist nie sonst vorgekommen, daß ich bei dieser allgemeinen Form der Gebete meinen Geist auf irgendeine einzelne Person lenkte; seit ich nun von Dijon abgereist bin, kommen mir bei dem Wort „wir" immer mehrere Einzelpersonen in den Sinn, die sich meinem Gebet empfohlen haben. Sie sind aber gewöhnlich die erste, und wenn nicht die erste, – was selten geschieht – dann die letzte, doch nur um länger bei Ihnen zu verweilen. Kann man da noch mehr sagen? Reden Sie aber um Gottes willen mit niemand darüber; ich spreche ohnehin schon ein wenig zu viel davon, wenn auch in voller Wahrheit und Reinheit. Dies möge genügen, um in Zukunft all diesen Einwänden zu begegnen oder zumindest Ihnen Mut zu machen, daß Sie deren Urheber verächtlich ins Gesicht spucken. Das übrige will ich Ihnen ein anderes Mal sagen, in dieser oder in der anderen Welt.

Als Drittes fragen Sie mich um Rat, wie Sie Versuchungen bekämpfen sollen, die Ihnen der Teufel gegen den Glauben und die Kirche eingibt. So verstehe ich Sie wenigstens. Ich will Ihnen sagen, was Gott mir eingeben wird. Man muß hier die gleiche Haltung einnehmen wie bei den Versuchungen des Fleisches: sich weder wenig noch viel auf Debatten einlassen, sondern es so machen wie die Juden mit den Knochen des Osterlamms, die sie gar nicht erst zu zerbrechen suchten, sondern einfach ins Feuer warfen (Ex 12,10.46; Joh 19,36). Man darf keineswegs dem Feind antworten, oder sich auch nur den Anschein geben, als höre man, was er sagt. Mag er vor der Tür lärmen, soviel er will; man soll nicht einmal fragen: „Wer ist da?’’

„Aber", so werden Sie einwenden, „er wird mir lästig und sein Lärmen läßt jene, die drinnen sind, nicht einmal das eigene Wort verstehen." Das tut nichts! Nur Geduld, man muß dann eben durch Zeichen sprechen: sich vor Gott niederwerfen und zu seinen Füßen bleiben. Aus dieser demütigen Haltung wird Gott erkennen, daß Sie ihm gehören wollen und seine Hilfe erbitten, auch wenn Sie nicht sprechen können. Vor allem aber halten Sie sich in Ihrem Innern fest eingeschlossen. Öffnen Sie auf keinen Fall die Tür, weder um zu sehen, wer da ist, noch um diesen Störenfried zu verjagen! Am Ende wird er seines Lärmens müde werden und Sie in Ruhe lassen. „Dazu wäre es bald Zeit!" werden Sie sagen.

Verschaffen Sie sich doch das Buch „Über die Drangsal" von Pater Ribadeneira. Es ist spanisch geschrieben, aber ins Französische übersetzt. Pater Rektor wird Ihnen sagen, wo es gedruckt wurde. Lesen Sie es sorgfältig durch.

Haben Sie Mut! Es wird bald wieder vorübergehen. Wenn nur der Feind nicht eindringt, dann liegt nichts daran. Es ist übrigens ein sehr gutes Zeichen, wenn er vor der Tür schlägt und tobt. Das zeigt doch, daß er nicht hat, was er möchte. Hätte er es erhalten, würde er nicht mehr schreien. Er würde eintreten und bleiben. Merken Sie sich das, damit Sie nicht Skrupeln verfallen.

Noch ein anderes Mittel will ich Ihnen nennen: Die Versuchungen gegen den Glauben wenden sich geradewegs an den Verstand, um ihn zu veranlassen, darüber zu debattieren, nachzusinnen und zu grübeln. Wissen Sie, was Sie tun sollen, während der Feind sich müht, Ihren Verstand zu erstürmen? Unternehmen Sie einen Ausfall durch das Tor des Willens und greifen Sie ihn tapfer an! Ich will damit sagen: Sobald die Versuchung gegen den Glauben naht und Ihnen zuflüstern will: „Wie ist denn das möglich?" „Wie ist dies und jenes?" – lassen Sie sich mit dem Feind nicht ins Gespräch ein, sondern werfen Sie sich mit der ganzen Kraft Ihres Willens auf ihn. Fügen Sie zum inneren Wort ruhig auch das äußere: „Unglückseliger Verräter! Unseliger! Du selber hast die Gemeinschaft der Engel verlassen; nun willst du, daß ich jene der Heiligen verlasse. Treuloser Lügner, du zeigtest der ersten Frau den Apfel des Verderbens (Gen 3,1-6), nun willst du, daß auch ich anbeiße? Weiche, Satan, es steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!’ (Mt 4,7). Nein, ich laß mich mit dir nicht ein, ich will nicht mit dir streiten. Eva ließ sich mit dir ein und ward verführt. – Es lebe Jesus, an den ich glaube! Es lebe die Kirche, zu der ich mich bekenne!" Solche und ähnliche flammende Stoßgebete können Sie sprechen. Wenden Sie sich in dieser Weise auch an den Heiland und an den Heiligen Geist, wie er es Ihnen gerade eingibt. Oder auch an die Kirche: „Mutter aller Gotteskinder, nie werde ich mich von dir trennen. Ich will in deinem Schoß leben und sterben!"

Ich weiß nicht, ob ich mich gut verständlich mache. Ich will eben sagen, daß man sich wehren soll mit Affekten, nicht mit Vernunftgründen, mit Leidenschaft, nicht mit Überlegungen. Freilich ist der arme Wille in solchen Zeiten der Versuchung ganz trocken. Umso besser, desto furchtbarer werden seine Hiebe den Feind treffen. Merkt er einmal, daß er Ihnen nur Gelegenheit gibt, tausend Tugendakte zu erwecken, anstatt Ihren Fortschritt zu hemmen; merkt er, daß Sie erst recht Ihren Glauben bekennen, dann wird er Sie am Ende in Ruhe lassen.

Noch ein drittes Mittel will ich Ihnen nennen: Ab und zu werden Ihnen fünfzig oder sechzig Geißelschläge gut tun oder auch nur dreißig, je nach Ihrem Befinden. Es ist erstaunlich, wie sich dies bei einer mir bekannten Seele bewährt hat. Zweifellos lenkt der äußere Schmerz von der inneren Bedrängnis und vom Bösen ab und fordert Gottes Barmherzigkeit heraus. Überdies bekommt der Teufel Angst und flieht, wenn er seinen Verbündeten – das Fleisch – gezüchtigt sieht. Dieses dritte Mittel gebrauche man jedoch mit Maß und je nach dem Gewinn, den Ihnen die Erfahrung einiger Tage zeigen wird.

Letzten Endes sind diese Versuchungen nur Leiden wie alle anderen. Man muß sich mit dem Wort der Heiligen Schrift trösten: „Selig der Mann, der in der Versuchung standhält! Wenn er sich bewährt, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen" (Jak 1,12). Glauben Sie mir, ich habe kaum Menschen gekannt, die ohne solche Prüfungen vorangekommen wären. Man muß eben Geduld haben. Nach dem Sturm wird Gott die Stille senden. Bedienen Sie sich vor allem des ersten und zweiten Mittels.

Was nun Ihre vierte Frage betrifft, will ich weder das ändern, was Sie bei Ihrem ersten Gelöbnis geopfert haben, noch den Ihnen zugeteilten Platz, noch sonst etwas.

Als tägliche Gebete rate ich Ihnen folgende: Machen Sie am Morgen die Betrachtung mit der Vorbereitung, wie ich sie in der bereits übersandten Schrift angebe. Fügen Sie hinzu das „Vater unser", „Gegrüßet seist Du, Maria", das Glaubensbekenntnis, die Gebete: „Komm Schöpfer Geist", „Stern des Meeres sei gegrüßt", „Engel Gottes", sowie ein kurzes Gebet zu den beiden heiligen Johannes und zu den Heiligen Franz von Assisi und Franz von Paula.

Diese Gebete finden Sie im Brevier, vielleicht stehen sie auch schon in dem Büchlein, das Sie mir schicken wollen. Grüßen Sie die Heiligen mit folgendem Gebet aus der Prim: „Heilige Maria und alle Heiligen, bittet für uns beim Herrn, damit wir Hilfe und Rettung erlangen durch ihn, der lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen."

Nach diesem Gruß an die Heiligen des Himmels beten Sie ein „Vater unser" und „Gegrüßet seist Du, Maria" für die Armen Seelen und ein anderes für alle lebenden Christen. So haben Sie gleichsam die ganze Kirche besucht, die sich im Himmel, auf Erden und unter der Erde befindet, wie der hl. Paulus (Phil 2,10) und der hl. Johannes (Offb 5,13) bezeugen. Das alles wird eine gute Stunde in Anspruch nehmen.

Wohnen Sie möglichst jeden Tag dem heiligen Meßopfer bei und feiern Sie es so mit, wie ich dies in der Schrift über die Betrachtung beschrieben habe.

Ich möchte auch, daß Sie täglich, entweder während der Heiligen Messe oder im Laufe des Tages recht andächtig den Rosenkranz beten. Machen Sie tagsüber möglichst viele Stoßgebete, besonders beim Stundenschlag; diese Übung wird Ihnen nützlich sein.

Vor dem Abendessen empfehle ich Ihnen eine kurze Sammlung. Sie können dabei fünf „Vater unser" und „Gegrüßet seist Du, Maria" zu den Wunden des Herrn beten. Vielleicht so, daß Ihre Seele jeden Tag in einer der fünf Wunden des Herrn Einkehr hält; am sechsten Tag in den Wunden seiner Dornenkrone und am siebten in seiner durchbohrten Seite; denn damit soll jede Woche ihren Anfang nehmen und ihr Ende finden, so daß wir am siebten Tag, am Sonntag, stets zum Herzen Jesu zurückkommen.

Am Abend, ungefähr eine bis eineinhalb Stunden nach dem Essen, ziehen Sie sich zurück und beten das „Vater unser" und „Gegrüßet seist Du, Maria" und das Glaubensbekenntnis; dann das Confiteor bis „mea culpa". Hierauf erforschen Sie Ihr Gewissen und beten das Confiteor zu Ende. Beten Sie auch noch die Lauretanische Litanei oder abwechselnd eine von den sieben Litaneien zu unserem Herrn, zu Unserer lieben Frau, zu den heiligen Engeln usw., wie sie in einem eigenen Büchlein stehen, das freilich nicht leicht zu bekommen ist. Wenn Sie es nicht finden können, genügt die Lauretanische Litanei. Zu all dem werden Sie ungefähr eine halbe Stunde brauchen. Machen Sie jeden Tag eine geistliche Lesung. Sie darf gut eine halbe Stunde dauern. Dies genügt für die Wochentage. An Sonn- und Feiertagen können Sie noch der Vesper beiwohnen und das kleine Offizium Unserer lieben Frau beten.

Sollten Ihnen aber die Gebete, die Sie bisher verrichtet haben, mehr zusagen, so ändern Sie bitte nichts. Und wenn Sie von den angegebenen irgendwelche auslassen sollten, machen Sie sich keine Sorge.

Dies soll die Grundregel unseres Gehorsams sein: Ich schreibe sie in großen Buchstaben:

ALLES AUS LIEBE TUN UND NICHTS AUS ZWANG! MEHR DEN GEHORSAM LIEBEN, ALS DEN UNGEHORSAM FÜRCHTEN! – Ich lasse Ihnen den Geist der Freiheit; nicht jenen, der den Gehorsam verneint, denn dies ist die Freiheit des Fleisches, sondern jenen, der Zwang, Skrupel und Hast ausschließt. Wenn Sie Gehorsam und Unterordnung sehr lieben, ist es mein Wunsch, – dies soll für Sie eine Art Gehorsam sein – daß Sie aus einem berechtigten Grund oder aus Nächstenliebe Ihre Übungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe ausgleichen.

Ich möchte, daß Sie eine französische Übersetzung all Ihrer Gebete haben. Sie sollen diese aber nicht französisch beten, sondern lateinisch; so werden Sie mehr zur Andacht gestimmt. Ich möchte nur, daß Sie den Sinn jedes Gebetes verstehen, auch der Litaneien vom Namen Jesu, der Gottesmutter und der anderen. Aber tun Sie das alles ohne Hast, ruhig und liebevoll.

Gegenstand Ihrer Betrachtung sei das Leben und Sterben des Herrn. Sie können die „Geistlichen Übungen" von Tauler, die „Betrachtungen" des hl. Bonaventura und jene von Capiglia verwenden. Sie enthalten ja das Leben unseres Herrn, wie es in den Evangelien steht. Halten Sie sich aber dabei in allem an die Art und Weise der Schrift, die ich Ihnen schicke. Die Betrachtungen über die vier letzten Dinge werden Ihnen nützen, vorausgesetzt, daß Sie immer mit einem Akt des Vertrauens auf Gott schließen. Stellen Sie sich Tod und Hölle nie vor, ohne auf der anderen Seite das Kreuz zu sehen. Nachdem Sie durch das eine zur Furcht erregt werden, sollen Sie sich voll Vertrauen zum anderen flüchten. Die Betrachtung soll höchstens dreiviertel Stunden dauern. Ich liebe geistliche Lieder, doch müssen sie andächtig gesungen werden.

Für den Bruder Esel billige ich das Fasten am Freitag und ein mäßiges Abendbrot am Samstag. Freilich muß man ihn die ganze Woche in Zucht halten, aber nicht so sehr durch den Entzug der Nahrung – die Mäßigkeit muß freilich immer gewahrt bleiben, – sondern vielmehr durch Einschränkung in der Auswahl. Doch heiße ich es gut, ihn bisweilen zu streicheln, wie es St. Franziskus tat, um ihn schneller in Gang zu bringen: Ich meine die Geißel, die eine wunderbare Kraft besitzt. Während sie dem Fleisch die Sporen gibt, weckt sie den Geist. Wenden Sie diese aber nur zweimal in der Woche an.

An der Häufigkeit der heiligen Kommunion sollen Sie nichts ändern, sofern es Ihnen nicht Ihr Beichtvater befiehlt. An den Festtagen ist es mir eine besondere Freude zu wissen, daß wir am Tisch des Herrn vereint sind.

Nun zum fünften Punkt: Es ist wahr, daß ich unseren Celse-Benigne wie Ihre anderen Kinder besonders liebe. Da Ihnen Gott den Wunsch, sie gänzlich seinem Dienst zu weihen, ins Herz legte, müssen Sie Ihre Kinder auf dieses Ziel hin erziehen und ihnen liebevoll solche Gedanken eingeben. Nehmen Sie das Buch der „Bekenntnisse" des hl. Augustinus und lesen Sie sorgfältig vom 8. Buch an. Sie sehen hier die heilige Witwe Monika, wie sie um Augustinus besorgt ist, und noch vieles andere, was Sie ermuntern wird.

Auf Celse-Benigne muß man mit hochherzigen Motiven einwirken und in sein junges Herz den Keim legen zu edlem, ritterlichem Streben nach dem Dienst Gottes, zugleich aber seine Vorstellungen von rein weltlichem Ruhm zu korrigieren suchen. Aber alles nur nach und nach. Später werden wir dann mit Gottes Hilfe an die besonderen Maßnahmen denken, die seinen Altersstufen entsprechend notwendig sind. Für jetzt achten Sie darauf – nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Schwestern, – daß sie möglichst allein schlafen oder zusammen mit Personen, denen Sie vertrauen können wie sich selbst. Man sollte nicht glauben, wie nützlich dieser Rat ist; meine Erfahrung läßt mich dies immer wieder empfehlen.

Wenn Franziska von selbst Ordensfrau werden will, gut; andernfalls bin ich nicht dafür, ihrem Willen durch Entscheidungen vorzugreifen,5 wohl aber – wie auch bei den anderen, – durch liebevolle Beeinflussung auf sie einzuwirken. Wir müssen soweit wie möglich gleich den Engeln an den Seelen wirken, nämlich durch liebevolle, gütige Anregungen und ohne Gewalt. Ich bin aber einverstanden, daß Sie Ihre Kinder zur Erziehung ins Kloster Puits d’Orbe geben. Ich hoffe, daß dort das religiöse Leben bald wieder sichtlich aufblühen wird. Wirken Sie in diesem Sinne mit! Tilgen Sie aber die Eitelkeit aus den Herzen all Ihrer Kinder; sie ist beinahe ein Merkmal Ihres Geschlechtes.

Ich weiß, daß Sie die Briefe des hl. Hieronymus in französischer Sprache besitzen. Lesen Sie den Brief über Pacatula und die anderen für die Erziehung der Mädchen. Diese Lektüre wird Ihnen Freude bereiten. Aber man muß dabei Maß halten! Mit dem Wort „liebevolle Beeinflussung" habe ich alles gesagt.

Ich sehe, daß Sie 2.000 Taler Schulden haben. Beeilen Sie sich möglichst, diese zurückzuzahlen. Achten Sie sehr darauf, so gut es geht, bei niemand mit der Bezahlung im Rückstand zu bleiben.

Geben Sie gelegentlich kleine Almosen, aber in großer Demut. Ich habe es gerne, wenn Sie kranke und alte Leute besuchen, besonders Frauen, aber auch junge Leute, wenn sie sehr krank sind. Ebenso liegt mir am Herzen, daß Sie die Armen besuchen, besonders die armen Frauen. Tun Sie es mit viel Güte und Demut!

Und nun zum sechsten Punkt:

Es ist mir recht, wenn Sie sich teils bei Ihrem Vater, teils bei Ihrem Schwiegervater aufhalten, um für deren Seelenheil in der erwähnten Art der Engel zu sorgen. Ob dieser Aufenthalt in Dijon etwas länger ausfällt, ist unbedeutend. Das ist ja auch Ihre erste Pflicht. Trachten Sie, sich den beiden gleicherweise mit jedem Tag liebevoller und ergebener zu erweisen, und sorgen Sie sanften Geistes für ihr Heil. Zweifellos wird es für Sie besser sein, den Winter in Dijon zu verbringen.

Ich schrieb Ihrem Herrn Vater; und da er mich gebeten hatte, ihm etwas für das Heil seiner Seele zu schreiben, tat ich es mit großer Einfachheit. Mein Rat bezog sich auf folgende zwei Punkte: erstens, er möge einen umfassenden Rückblick auf sein Leben halten, um dann eine Generalbeichte abzulegen, ohne die kein Mann von Ehre sterben sollte. Zweitens, er möge versuchen, sich nach und nach von den Bindungen an diese Welt zu lösen. Ich nannte ihm auch die Mittel hierzu. Ich denke, meine Vorschläge sind klar und behutsam gefaßt. Ich meine, daß man die Bindungen an die Welt und ihre Geschäfte keineswegs mit einem Schlag zerreißen, sondern allmählich lockern und lösen sollte. Er wird Ihnen zweifellos meinen Brief zeigen. Helfen Sie ihm, diese Worte richtig zu verstehen und zu verwirklichen.

Sie sind ihm zu großer Liebe verpflichtet, daher auch verpflichtet, ihn zu einem seligen Ende zu geleiten. Die Ehrfurcht vor ihm darf Sie nicht hindern, sich mit demütigem Eifer dafür einzusetzen; denn er ist Ihr erster „Nächster", den Gott Sie zu lieben verpflichtet. Und das erste, was Sie an ihm lieben sollen, ist seine Seele; in seiner Seele aber das Gewissen; im Gewissen die Reinheit und in der Reinheit die Heimkehr zur ewigen Seligkeit. Das gleiche gilt von Ihrem Schwiegervater.

Vielleicht wird Ihr Vater, da er mich nicht kennt, meinen Freimut unpassend finden; aber sehen Sie zu, daß er mich kennen lerne; ich bin dann sicher, daß er mich dieser Offenheit wegen mehr lieben wird als um anderer Dinge willen.

Ich schrieb Herrn von Bourges einen fünf Blätter langen Brief über das Predigtamt.6 Zugleich erlaubte ich mir, ihm sehr offen meine Ansicht über manche Dinge im Leben eines Erzbischofs zu sagen. Nun, bei ihm zweifle ich nicht, daß er es gut aufnehmen wird. Was wollen Sie noch mehr? Vater, Bruder, Onkel, Kinder – alle liegen mir sehr am Herzen.

Ihre siebente Frage betrifft den Geist der Freiheit. Ich will Ihnen sagen, was das ist. Jeder rechtschaffene Christ ist frei von Todsünde und von jeder Anhänglichkeit an sie. Das ist eine zum Heil notwendige Freiheit. Von dieser spreche ich nicht. Ich meine die Freiheit der Kinder Gottes (Röm 8,21). Worin besteht sie? Sie ist die Loslösung des Herzens von allen Dingen, um dem erkannten Willen Gottes zu folgen. Sie werden dies leicht verstehen, wenn mir Gott die Gnade schenkt, Ihnen die Merkmale, Kennzeichen und Wirkungen dieser Freiheit darlegen zu können.

Wir bitten Gott vor allem, daß „sein Name geheiligt werde, sein Reich komme, sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden" (Mt 6,9 f). Das alles ist nichts anderes als der Geist der Freiheit. Er macht sich um nichts weiter Sorgen, wenn nur der Name Gottes geheiligt wird, seine Majestät in uns herrscht und sein Wille geschieht.

Erstes Kennzeichen: Das Herz, das diese Freiheit besitzt, hängt nicht an Freuden. Es nimmt das Leid gelassen an, soweit die Natur dessen fähig ist. Ich sage nicht, daß es Freude nicht liebt und wünscht. Aber es hängt nicht an ihr.

Zweites Kennzeichen: Das Herz bindet sich in keiner Weise an geistliche Übungen. Wird es durch Krankheit oder durch andere Umstände daran gehindert, so entsteht in ihm kein Bedauern. Ich sage wiederum nicht, daß es diese Übungen nicht liebt, sondern nur, daß es nicht daran hängt.

Drittes Kennzeichen: Es verliert kaum jemals seinen Frohsinn, denn kein Verlust kann den traurig machen, dessen Herz an nichts hängt. Ich sage nicht, daß es die Freude nie verliert, wenn es sie jedoch verliert, dann nur für kurze Zeit.

Die Wirkungen dieser Freiheit sind eine wohltuende Milde des Geistes, große Güte und Aufgeschlossenheit für alles, was nicht Sünde oder Gefahr zur Sünde ist. In dieser Haltung ist man für alle Tugend- und Liebesakte in schlichter Bereitschaft. Ein Beispiel: Jemand hängt sehr an der Betrachtung. Unterbrechen Sie ihn einmal dabei! Sie werden sehen, wie er dann verärgert, aufgeregt und unwillig aufhört. Wer aber die wahre Freiheit besitzt, wird dem Störenfried mit gleichmütigem Gesicht und liebenswürdigem Herzen begegnen und die Betrachtung ruhig unterbrechen. Es ist ihm völlig eins, ob er Gott in der Betrachtung oder im Ertragen des Nächsten dient. Das eine wie das andere ist Gottes Wille, aber den Nächsten zu ertragen, ist für diesen Augenblick gerade das Notwendige.

Diese Freiheit können wir bei allem üben, was unserer Neigung entgegensteht. Wer an seinen Neigungen nicht hängt, wird nicht ungeduldig, wenn er sie nicht erfüllt sieht.

Dieser Freiheit stehen zwei einander entgegengesetzte Laster gegenüber: Unbeständigkeit und innerer Zwang oder Ungebundenheit und knechtische Abhängigkeit.

Unbeständigkeit oder Ungebundenheit ist eine Übertreibung der Freiheit. Man will ohne Grund seine Übungen wechseln, seinen Stand ändern, ohne Grund und ohne zu wissen, ob dies Gottes Wille ist. Man ändert beim kleinsten Anlaß Übung, Plan und Ordnung. Ein geringfügiger Umstand schon genügt und man läßt von seiner Einteilung und von einer lobenswerten Gewohnheit. So verflüchtigt und verliert sich das Herz. Es wird wie ein offener Garten, dessen Früchte nicht dem Herrn, sondern allen Vorübergehenden gehören (vgl. Ps 80,13).

Innerer Zwang und knechtische Abhängigkeit hingegen offenbaren einen gewissen Mangel an Freiheit. Hier wird der Geist verdrossen und aufgebracht, wenn er nicht tun kann, was er sich vorgenommen; selbst wenn er Besseres dafür tun könnte.

Ein Beispiel: Ich nehme mir vor, täglich am Morgen die Betrachtung zu halten; bin ich unbeständigen oder ausgegossenen Geistes, werde ich sie beim geringsten Anlaß auf den Abend verschieben: wegen eines Hundes, der mich nachts nicht schlafen ließ, wegen eines Briefes, den ich schreiben muß, obwohl es nicht eilt. Habe ich aber den Geist des Zwanges und der knechtischen Abhängigkeit, werde ich auch dann nicht von meiner Betrachtung lassen, wenn ein Kranker gerade in dieser Stunde meine Hilfe notwendig braucht oder ein sehr eiliger Brief zu schreiben ist, der nicht gut aufgeschoben werden kann, und dergleichen mehr.

Noch zwei oder drei Beispiele für diese Freiheit des Geistes. Sie sollen Ihnen noch deutlicher zeigen, was ich in Worten nicht auszudrücken vermag.

Zuerst aber muß ich sagen, daß hier zwei Regeln zu beachten sind. Sonst könnten Sie stolpern.

Erste Regel: Man darf nur dann von seinen Übungen und von den allgemein geltenden Grundsätzen für die Tugendübung abgehen, wenn man ganz klar auf der anderen Seite Gottes Willen erkennt. Dieser gibt sich auf zweierlei Art kund: durch Notwendigkeit und durch Aufgaben der Liebe. – Ich will in diesem Jahr während der Fastenzeit in einem kleinen Ort meiner Diözese predigen. Wenn ich inzwischen krank werde oder mir ein Bein breche, habe ich nicht zu klagen und mich nicht darüber zu beunruhigen, daß ich nicht predigen kann. In solchem Fall ist es ohne Zweifel Gottes Wille, daß ich ihm durch Leiden und nicht durch Predigen diene. Wenn ich nun nicht krank bin, aber Umstände es nahelegen, an einen anderen Ort zu gehen, wo die Leute zu den Hugenotten abfallen könnten, wenn ich nicht käme, so zeigt sich der Wille Gottes deutlich genug, um gelassen meinen Plan zu ändern.

Zweite Regel: Muß man aus Nächstenliebe von der Freiheit Gebrauch machen, so soll dies ohne Ärgernis und Ungerechtigkeit geschehen. Ich weiß zum Beispiel, daß ich irgendwo weitab von meiner Diözese nützlicher sein könnte. In diesem Fall darf ich von der Freiheit nicht Gebrauch machen, weil ich Ärgernis erregte und unrecht täte; denn hier hält mich meine Pflicht fest. So machen auch verheiratete Frauen einen falschen Gebrauch von der Freiheit, wenn sie sich ohne rechtmäßigen Grund und unter dem Vorwand der Frömmigkeit und Nächstenliebe von ihrem Gatten entfernen. Die rechte Freiheit schadet keinem Stand. Im Gegenteil, sie bewirkt, daß jeder seinen Beruf liebt, weil er weiß: es ist der Wille Gottes, daß er darin bleibe (1 Kor 7,20.24).

Nun will ich Ihren Blick auf den Kardinal Karl Borromäus lenken, der in wenigen Tagen heiliggesprochen wird.7 Er war der denkbar gewissenhafteste, gegen sich strengste und härteste Mann. Er trank nur Wasser und aß nur Brot. Er war so gewissenhaft, daß er als Erzbischof in 24 Jahren nur zweimal das Haus seiner Brüder betrat, weil sie krank waren, und nur zweimal in seinen eigenen Garten ging. Und trotz seines strengen Geistes aß er oft mit den Schweizern – seinen Nachbarn, – um sie zu einem besseren Leben anzuhalten. Er trug auch kein Bedenken, in ihrer Mitte über seinen Durst zu trinken und mit ihnen bei ihren Mahlzeiten anzustoßen.

Das ist ein Zug heiliger Freiheit an diesem vielleicht strengsten Mann seiner Zeit. – Ein ungezügelter Geist hätte leicht zuviel getan, ein enger hätte darin eine Todsünde gesehen. Ein Geist der Freiheit aber tut solches aus Nächstenliebe.

Spiridion, ein Bischof des christlichen Altertums, nahm zur Fastenzeit einen halbverhungerten Pilger auf. Er hatte gerade nur Pökelfleisch im Haus, ließ es kochen und setzte es dem Fremden vor. Dieser wollte trotz des Hungers nichts essen. Spiridion aß nun als erster davon, obwohl bei ihm keine Notlage gegeben war. Er tat es aus Liebe, um durch sein Beispiel die Bedenken des Pilgers zu zerstreuen. So sieht die liebevolle Freiheit eines Heiligen aus.

Pater Ignatius von Loyola, der demnächst heiliggesprochen wird,8 aß am Aschermittwoch Fleisch auf die bloße Anordnung des Arztes hin, der es wegen einer Unpäßlichkeit für notwendig hielt. Ein engherziger Geist hätte sich drei Tage lang bitten lassen.

Nun will ich Ihnen noch einen Heiligen vorstellen, der alle wie eine helle Sonne überstrahlt, eine wahrhaft offene und an nichts hängende Seele, die nur den Willen Gottes kannte! Ich fragte mich schon oft, wer unter den mir bekannten Heiligen wohl die größte Selbstverleugnung geübt habe. Schließlich fand ich, daß es Johannes der Täufer war. Mit fünf Jahren ging er hinaus in die Wüste und wußte, daß unser und sein Erlöser ganz nahe, etwa eine bis drei Tagesreisen entfernt, geboren worden war. Gott allein weiß, wie sehr sein Herz, das schon im Mutterschoß von der Liebe des Erlösers getroffen war, verlangte, in seiner liebevollen Gegenwart zu sein. Dennoch bleibt er 25 Jahre in der Wüste und sucht nicht ein einziges Mal den Herrn zu sehen. Er verläßt sie nur, um sich ganz der Predigt zu widmen. Jesus selbst aber sucht er nicht auf; er wartet vielmehr, bis der Herr zu ihm kommt. Auch nach der Taufe folgt er ihm nicht, sondern bleibt seiner Berufung treu (Mt 3; Lk 3). – Mein Gott, welche Selbstbeherrschung wird hier offenbar! Seinem Herrn so nahe sein und ihn doch nicht sehen! Ihn so nahe haben und seine Nähe doch nicht verkosten! Was soll das bedeuten, als seinen Geist von allem gelöst haben, selbst von Gott – aber um Gottes Willen zu tun und ihm zu dienen! Gott um Gottes willen lassen, ihm nicht anzuhangen, um ihn umso tiefer und reiner zu lieben. Dieses Beispiel überwältigt mich ob seiner Größe.

Ich vergaß zu sagen, daß Gottes Wille sich nicht nur durch Notwendigkeiten und durch Aufgaben der Nächstenliebe zu erkennen gibt, sondern auch durch den Gehorsam. Wer darum einen Befehl erhält, muß darin Gottes Willen sehen. Geht dies nicht zu weit? Doch mein Geist fliegt schneller, als ich es will. Es trägt ihn der Eifer, Ihnen zu dienen.

Nun zum achten Punkt: Erinnern Sie sich des Festes des heiligen Ludwig. Da nahmen Sie erneut von Ihrem Geist die Krone Ihres Königreiches herab und legten sie dem König Jesus zu Füßen (Offb 4, 10). An jenem Tag „erneute sich Ihre Jugendkraft gleich dem Adler" (Ps 103,5), da Sie in das Meer der Buße tauchten.9 So bereitete er Ihrer Seele den Weg zum ewigen Tag. Erinnern Sie sich doch, wie ich über Ihren großen Entschluß, mit Leib, Geist und Herz ganz Gott zu gehören, im Namen unserer Mutter Kirche das Amen sprach. Wie dann als Echo vom Himmel das große Amen und Halleluja der seligsten Jungfrau, der Engel und Heiligen zurückklang? Erinnern Sie sich daran, daß Sie willens sind, die ganze Vergangenheit als ein Nichts zu betrachten, und daß Sie jeden Tag mit David sprechen sollen: „Nun will ich anfangen", meinen Gott von Herzen zu lieben (Ps 77,2).

Tun Sie viel für Gott und tun Sie nichts ohne Liebe. Alles soll dieser Liebe gehören, auch Essen und Trinken (vgl. 1 Kor 10,31).

Verehren Sie den hl. Ludwig! Seine große Treue ist bewundernswert. Er wurde mit zwölf Jahren König, hatte neun Kinder, mußte ständig gegen Rebellen oder Feinde des Glaubens Kriege führen und war über vierzig Jahre König. Nach seinem Tod aber sagte sein Beichtvater, ein heiligmäßiger Mann, bei dem der Heilige das ganze Leben lang gebeichtet hatte, unter Eid aus, daß er ihn nie in eine schwere Sünde habe fallen sehen. – Der König unternahm zwei Fahrten über das Meer. Beide Male verlor er sein Heer. Auf der zweiten Fahrt starb er selbst an der Pest, nachdem er lange Zeit die Pestkranken seines Heeres besucht, sie verbunden und bis zu ihrer Gesundung gepflegt hatte. Er starb frohen, mutigen Herzens, mit einem Worte Davids auf den Lippen (Ps 5,8; 138,2). Ich gebe Ihnen diesen Heiligen zum besonderen Patron für dieses Jahr. Schauen Sie immer wieder auf zu ihm und den anderen hier genannten Heiligen. Im kommenden Jahr werde ich Ihnen, so Gott will, wieder einen anderen Heiligen als Vorbild geben, nachdem Sie von diesem Heiligen heuer viel gelernt haben.

Nun kommen wir zum neunten Punkt: Glauben Sie mir zwei Dinge: Erstens will Gott, daß Sie sich meiner bedienen. Zweifeln Sie nicht daran! Zweitens: In allem, was Ihrem Heil dient, wird mir Gott mit seinem Licht helfen, das mir notwendig sein wird, um Ihnen gut dienen zu können. Das Wollen hat er mir so groß gegeben, daß es nicht größer sein könnte! – Ich habe das Brieflein mit Ihren Gelübden erhalten und bewahre es sorgfältig auf; betrachte ich es doch als die Urkunde unserer ganz in Gott gegründeten Verbundenheit, die kraft der Barmherzigkeit ihres Urhebers ewig dauern wird.

Vor kurzem starb der Bischof von Saluces, einer meiner vertrautesten Freunde und einer der größten Diener Gottes und der Kirche. Sein Volk trauerte sehr um ihn, durfte es sich doch seines Wirkens nur eineinhalb Jahre erfreuen. Wir erhielten am gleichen Tag die Bischofsweihe. Bitte, beten Sie dreimal den Rosenkranz für seine Seelenruhe. Hätte er mich überlebt, würde er mir wohl den gleichen Liebesdienst bei allen erwirkt haben, auf die er Einfluß hatte.

Nach einer Stelle Ihres Briefes zu schließen, scheinen Sie es schon für ausgemacht zu halten, daß wir uns eines Tages wiedersehen. Gebe es Gott, meine sehr liebe Schwester! Von meiner Seite sehe ich allerdings nichts, was mich erhoffen ließe, mich frei zu machen. Den Grund sagte ich Ihnen schon im Vertrauen damals in Saint Claude. Ich bin hier mit Händen und Füßen gebunden. Und Sie, meine gute Schwester, schrecken Sie nicht die Mühen der letzten Reise? Wir werden aber bis Ostern sehen, was Gott von uns haben will. Sein heiliger Wille sei immer der unsere! Ich bitte Sie, mit mir Gott zu danken für das Ergebnis der Reise nach Saint Claude. Ich kann nicht darüber sprechen. Aber es ist von außerordentlicher Art. Wenn Sie einmal Zeit haben, schreiben Sie mir doch die Begebenheit vor der Pforte von Saint Claude. Glauben Sie mir, ich frage nicht aus Neugierde danach.10

Meine Mutter ist Ihnen ganz zugetan. Ich freue mich, daß Sie die Frau Puits d’Orbe so gerne Schwester nennen; sie ist eine große Seele, wenn sie gut unterstützt wird. Gott wird sich ihrer zur Verherrlichung seines Namens bedienen. Helfen Sie ihr und halten Sie brieflich Kontakt mit ihr. Gott wird es Ihnen danken.

Wenn es nach mir ginge, würde ich diesen Brief niemals zu Ende bringen; ich habe ihn nur geschrieben, um Ihnen zu antworten. Ich will ihn aber nun doch beenden, wobei ich Sie um die große Hilfe Ihres Gebetes bitte; und wie sehr bedarf ich doch dessen! Ich bete nie, ohne daß Sie zum Teil Gegenstand meiner Bitten würden; ich grüße niemals meinen Schutzengel, ohne nicht auch den Ihren zu grüßen. Tun Sie das gleiche für mich und auch Ihr Celse-Benigne, für den ich ständig bete, wie auch für Ihre ganze Familie. Glauben Sie mir, daß ich in der Heiligen Messe niemals Ihre Kinder vergesse, auch nicht deren verstorbenen Vater, Ihren Gatten.

Gott sei Ihr Herz, Ihr Geist, Ihre Seele, meine sehr teure Schwester, und ich bin in seinem Schoß Ihr sehr ergebener Diener ...

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