Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


1. November 1604:
"Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen
geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß
als die Ewigkeit"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 67-70


Annecy, 1. November 1604.

Mein Gott, mit welcher Liebe und welchem Eifer ich Ihrem Geiste zur Verfügung stehe, das können Sie mir gar nicht genug glauben, meine liebe Schwester. Ich bin so sehr davon erfüllt, daß dies allein genügt, um mich zu überzeugen, daß unser Herr es mir eingibt; denn meiner Meinung nach kann alle Welt zusammen nicht ein so starkes Verlangen in mir wecken; zumindest bin ich dessen noch niemals gewahr geworden.

Ich gebe den Brief diesem Boten mit, weil er wieder hierher zurückkehrt und mir Briefe von Ihnen mitbringen kann.

Heute ist das Fest Allerheiligen. Als ich die feierliche Matutin betete, fand ich (7. Lesung), wie der Heiland die acht Seligkeiten mit der Armut im Geiste (Mt 5,3) beginnt und der hl. Augustinus darunter die heilige und so erstrebenswerte Tugend der Demut versteht. Dabei erinnerte ich mich an Ihre Bitte, Ihnen etwas darüber zu schreiben. Meines Wissens tat ich das nicht im letzten Brief, obwohl er umfangreich und vielleicht zu lang war. Und gerade über die Demut hat mir Gott so viel eingegeben, um es Ihnen zu schreiben, daß ich Ihnen darüber viel Schönes sagen könnte, wenn ich nur genügend Zeit dafür hätte.

Zunächst, meine liebe Schwester, fiel mir ein, daß die Kirchenlehrer die Demut als die den Witwen eigene Tugend bezeichnen. Die Jungfrauen haben ihre Tugend, ebenso die Apostel, Märtyrer, Kirchenlehrer und Seelsorger – jeder hat seine besondere Tugend gleich einem Ehrenzeichen seiner Ritterschaft. Freilich mußten alle die Demut üben; denn sie wären nicht erhöht worden, wenn sie sich nicht erniedrigt hätten (Mt 23,12; Lk 18, 14). Der Witwe aber geziemt Demut vor allen: denn was könnte ihr Grund zum Hochmut sein? Sie besitzt ihre Unversehrtheit nicht mehr (die indes durch eine große Witwendemut ausgeglichen werden kann. Viel besser ist, Witwe zu sein mit viel Öl in der Lampe, als Jungfrau ohne Öl oder mit nur wenig Öl); andererseits fehlt ihr auch das, was in den Augen der Welt der Frau höheren Wert verleiht: ihr Mann, der ihre Ehre war und dessen Namen sie getragen hat. Welcher Ruhm bleibt ihr noch, wenn nicht Gott? O seliger Ruhm, o kostbare Krone!

Im Garten der Kirche gleichen die Witwen den Veilchen. Diese kleinen, niedlichen Blumen haben keine leuchtenden Farben und auch keinen durchdringenden Duft, aber sie sind doch überaus lieblich. Welch schöne Blume ist die christliche Witwe! Klein und niedrig durch ihre Demut, fällt sie nicht auf in den Augen der Welt, die sie sogar flieht; sie schmückt sich nicht mehr, um Blicke auf sich zu lenken. Warum sollte sie auch nach den Augen jener verlangen, deren Herz sie nicht begehrt? Der Apostel trägt seinem Schüler auf (1 Tim 5,3), „die Witwen zu ehren, die es wahrhaft sind". Und wer sind solche, wenn nicht jene, die es dem Herzen und dem Geiste nach sind, d. h. deren Herz mit keinem Geschöpf verheiratet ist? Der Heiland sagt heute nicht: „Selig, die reinen Leibes sind", sondern: „die reinen Herzens sind" (Mt 5,8), und er preist nicht die Armen, sondern die Armen im Geiste. Jenen Witwen gebührt Ehre, die es dem Herzen und dem Geiste nach sind. Witwe sein, heißt das nicht: heruntergesetzt, d. h. elend, arm und schwach sein? Die arm, elend und schwach sind im Geiste und im Herzen, sind also zu preisen; mit anderen Worten: die Demütigen, deren Schützer der Herr ist (Ps 146,9).

Was aber ist Demut? Ist sie die Erkenntnis dieses Elends, dieser Armut? Ja, sagt unser hl. Bernhard. Aber das ist nur eine rein sittliche und menschliche Demut. Was ist also die christliche? Sie ist die Liebe zu dieser Armut und Niedrigkeit in Anbetracht des Beispiels unseres Herrn. Wissen Sie, daß Sie eine schwache und arme Witwe sind? Dann lieben Sie diesen Zustand der Niedrigkeit! Rühmen Sie sich, nichts zu sein! Freuen Sie sich darüber, denn Ihr Elend ist Gegenstand der Güte Gottes, so kann er Barmherzigkeit an Ihnen üben. Von den Bettlern halten sich jene für die tüchtigsten und erfolgreichsten, die am elendsten aussehen und die größten und schrecklichsten Wunden haben. Wir sind auch nur Bettler: die Elendsten haben die besten Aussichten, denn die Barmherzigkeit Gottes behält sie gern im Auge (Ps 11,4).

Demütigen wir uns, ich bitte Sie, und lassen wir am Tor des Tempels der göttlichen Güte nur unsere Wunden und Nöte sprechen (Apg 3,2). Denken Sie immer daran, sich ihrer mit Freude zu rühmen. – Es soll Ihnen ein Trost sein, daß Sie ganz leer und ganz Witwe sind, auf daß Sie der Heiland mit seinem Reich erfülle. Seien Sie gütig und freundlich zu allen außer zu jenen, die Ihnen Ihren Ruhm, nämlich Ihre Armseligkeit und vollkommene Witwenschaft nehmen wollten. „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen", sagt der Apostel (2 Kor 12,9), und: „ich will lieber sterben als – nein – meinen Ruhm soll mir niemand zunichte machen!" (1 Kor 9,15). Sehen Sie, er möchte lieber sterben, als seine Schwächen verlieren, die sein Ruhm sind. So müssen auch Sie Ihr Elend, Ihre Armseligkeit recht wahren: denn Gott sieht herab auf sie, wie er es bei der heiligsten Jungfrau getan (Lk 1,68). „Die Menschen blicken auf das Äußere, der Herr aber schaut auf das Herz" (1 Sam 16,7). Wenn er dann unsere Herzensdemut sieht, wird er uns große Gnaden erweisen.

Diese Demut verleiht der Keuschheit Bestand; darum wird im Hohelied (2,1) jene schöne Seele die „Lilie im Talgrund" genannt. – Bleiben Sie also voll frohen Mutes demütig vor Gott; aber auch froh und demütig vor der Welt. Freuen Sie sich, wenn die Welt Sie unbeachtet läßt. Über ihre Hochschätzung aber machen Sie sich frohen Herzens lustig. Ja, lachen Sie über ihr Urteil und über Ihre von der Welt verachtete Armseligkeit. Über deren Mißachtung trösten Sie sich fröhlich mit dem Gedanken, daß sie zumindest darin der Wahrheit folgt.

Nach außenhin streben Sie nicht nach sichtbarer Demut; Sie werden aber auch nicht gut tun, sie zu fliehen; nehmen Sie diese vielmehr an, aber immer mit frohem Herzen. Ich bin dafür, manchmal niedrige Dienste zu leisten, sogar Untergebenen und auch eingebildeten Menschen; besonders aber Armen, Kranken, den Hausgenossen und auswärts; es muß aber immer unbefangen und fröhlich geschehen. Das betone ich immer wieder, denn hier liegt der Schlüssel zu diesem Geheimnis für Sie und für mich. Ich hätte besser sagen sollen: „mit Liebe"; denn – so sagt der hl. Bernhard nach dem hl. Paulus – „die Liebe ist frohgemut" (Gal 5,22). Demütige Dienste und äußere Demut sind nur Schale; diese bewahrt aber die Frucht.

Halten Sie es mit dem Empfang der heiligen Kommunion und mit den Übungen weiter so, wie ich es Ihnen geschrieben habe. Bleiben Sie dieses Jahr bei der Betrachtung des Lebens und Sterbens des Herrn; es ist das Tor zum Himmel. Wenn Sie gerne mit Jesus verkehren, werden Sie seine Haltungen besser kennen lernen.

Haben Sie guten Mut und beharrlichen Mut. Verlieren Sie ihn nicht, auch wenn der Feind viel lärmt und wenn Sie gegen den Glauben versucht werden. Unser Feind ist ein großer Polterer; machen Sie sich seinetwegen keine Sorge. Er kann Ihnen nicht schaden, ich weiß es sicher. Lachen Sie über ihn, verachten Sie ihn und lassen Sie ihn lärmen. Streiten Sie nicht mit ihm, nehmen Sie von ihm keine Notiz; das alles ist nichts. Um Heilige herum hat er oft laut geschrien und gepoltert. Was hat er erreicht? Sie sind doch an der Stelle, die der Elende verlor.

Ich wünsche, daß Sie im „Weg zur Vollkommenheit" der seligen Theresia das 41. Kapitel lesen. Es wird Ihnen helfen, ein Wort richtig zu verstehen, das ich Ihnen schon so oft gesagt habe: man darf in der Übung der Tugenden nicht zu kleinlich sein, sondern ungezwungen daran gehen, aufrichtig, natürlich, nach alter französischer Art, freimütig, redlich, großzügig. Ich fürchte tatsächlich den Geist des Zwanges und des Trübsinns. Nein, meine liebe Tochter! Ich wünsche, daß Sie ein weites und großes Herz voll Demut haben auf dem Weg unseres Herrn, aber zugleich ein Herz voll Demut, Milde und Zucht.

Ich empfehle mich den kleinen, aber inständigen Gebeten unseres Celse-Benigne. Wenn Aimée beginnt, mir manch kleine Wünsche anzuvertrauen, werden sie mir sehr am Herzen liegen. Ich schenke Sie selbst, Ihr Witwenherz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn darbringe. Beten Sie für mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit. Diese möge Jesus in seiner Liebe und Güte uns geben. Amen.

So bin ich denn und will es immer sein, ganz der Ihre in Jesus Christus ...

Am Tage Allerheiligen.

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