Die ersten Briefe des
hl. Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal


21. November 1604:
"Mein Herz muss sich dem Ihren weit öffnen"

Aus der Deutschen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 5, Briefe I - An Frau von Chantal, Eichstätt 1990, Franz Sales Verlag, Seite 70-77


Annecy, 21. November 1604.

Gnädige Frau, sehr liebe Schwester!

Unsere glorreiche und heiligste Herrin, Königin und Jungfrau Maria, deren Darbringung im Tempel wir heute feiern, möge unsere Herzen ihrem Sohn darbringen und das seine uns schenken.

Ihr Bote kam ziemlich an der mühsamsten und schwierigsten Stelle zu mir, der ich auf meiner Fahrt über das stürmische Meer dieser Diözese begegnen konnte.11 Sie glauben nicht, wieviel Trost mir Ihre Briefe gebracht haben. Ich bin nur in Sorge, ob es mir gelingen wird, im Trubel meiner Geschäfte die nötige Zeit zu finden, Ihnen so bald zu antworten, wie ich es wünsche, und auch so gut, wie Sie es erwarten. Ich schreibe, so gut ich vermag, und ohne Ordnung. Wenn mir noch etwas einfällt, werde ich Ihnen bald durch einen Bekannten schreiben, der nach Dijon reist und wieder zurückkommt.

Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich machten, mir die Begebenheit von der Pforte des hl. Claudius zu erzählen. Dieser liebe Heilige ist Zeuge der Reinheit und Lauterkeit des Herzens, mit der ich Sie liebe in unserem Herrn und gemeinsamen Meister. Von seiner göttlichen Güte möge uns St. Claudius den Beistand des Heiligen Geistes erbitten, der uns notwendig ist, damit wir gut in die Ruhe des Heiligtums der Kirche eingehen können (Ps 15,1; 143,10) ... 12

Ich komme nun auf Ihr Kreuz zu sprechen, aber ich weiß nicht, ob mir Gott die Augen recht geöffnet hat, um es in seinem vollen Umfang zu erkennen. Aus ganzem Herzen wünsche ich es und bitte ihn, er möge mich das Richtige sagen lassen.

Nach Ihren Angaben handelt es sich um ein gewisses Unvermögen der Fähigkeiten oder Kräfte Ihres Verstandes, sodaß Sie nicht zufrieden sein können, wenn Sie Gutes tun wollen. Am meisten jedoch quält Sie, daß Sie nicht mehr die gewohnte Entschiedenheit fühlen, wenn Sie dann einen Entschluß fassen. Sie stoßen auf eine merkwürdige Schranke, die Sie jäh innehalten läßt. Daher stammen dann die quälenden Versuchungen wider den Glauben.

Das ist gut gesagt, meine liebe Tochter, Sie drücken sich richtig aus; ich weiß aber nicht, ob ich Sie gut verstehe. Sie fügen hinzu, daß – dank der Gnade Gottes – der Wille trotzdem einfach und fest zur Kirche steht, sodaß Sie gerne für diesen Glauben sterben wollten.

Gott sei gepriesen, meine liebe Tochter, „diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient zur Verherrlichung Gottes" (Joh 11,4).

Zwei Völker sind im Schoß Ihres Geistes; ein Volk kämpft gegen das andere, schließlich aber „wird das ältere dem jüngeren dienen" (Gen 25,23), wie zu Rebekka gesagt wurde.

Die Eigenliebe stirbt erst, wenn wir selber sterben. Sie hat tausend Schliche, sich in unserer Seele zu verschanzen; man kann sie daraus nicht vertreiben. Sie ist die Erstgeborene in unserer Seele, denn sie gehört zu unserer Natur oder ist wenigstens mit ihr verbunden. Sie führt eine Legion Kämpfer mit sich: Regungen, Handlungen, Leidenschaften. Sie ist gewandt und versteht sich auf tausend listige Wendungen.

Auf der anderen Seite haben Sie die Liebe zu Gott. Sie wurde später empfangen und später geboren. Auch sie hat ihre Regungen, Neigungen, Leidenschaften und Handlungen.

Diese zwei Kinder bekämpfen sich im gleichen Schoß wie Esau und Jakob; darum rief Rebekka aus: „Wäre es nicht besser für mich zu sterben, als mit soviel Schmerzen zu gebären!" (Gen 25,22). Diese Kämpfe erzeugen einen eigenartigen Ekel, so daß Ihnen die besten Speisen nicht mehr schmecken. Aber was liegt daran, ob sie schmecken oder nicht, da Sie doch nicht aufhören, ordentlich zu essen? Sollte ich einen meiner Sinne verlieren müssen, würde ich auf den Geschmackssinn verzichten, der mir sogar weniger notwendig zu sein scheint als der Geruchssinn.

Glauben Sie mir: es fehlt Ihnen nur der Geschmack, nicht das Sehvermögen. Sie sehen, aber ohne Befriedigung. Sie kauen das Brot, als wäre es Werg, ohne Geschmack und Lust. Ihre Entschlüsse scheinen Ihnen kraftlos zu sein, weil sie nicht freudig und froh sind. Aber Sie täuschen sich; der heilige Apostel Paulus hatte sehr oft auch nur solche (Röm 7,21-25). Die arme Lea ist ein wenig triefäugig und häßlich, aber Ihr Geist muß sich mit ihr begnügen, ehe er die schöne Rahel erhält (Gen 29,16-28). Nur Mut, sie wird trotzdem schöne und Gott wohlgefällige Werke gebären. – Aber ich halte mich zu lange auf.

Sie fühlen sich nicht fest, beharrlich und nicht sehr entschlossen. Sie sagen: es steckt etwas in mir, das immer unbefriedigt bleibt, aber ich vermag nicht zu sagen, was es ist. Ich möchte es gerne wissen, meine liebe Tochter, um es Ihnen zu sagen. Aber ich hoffe, eines Tages darüber klar zu werden, wenn ich Sie mit Muße anhören kann.

Ist es nicht etwa eine Menge von Wünschen, die Ihrem Geist Hemmungen verursacht? Auch ich litt an dieser Krankheit. Der an eine Stange gekettete Vogel spürt nur, wenn er zu fliegen versucht, daß er gefesselt ist und die Fesseln die Stöße verursachen. Ebenso weiß er, bevor er Flügel hat, nichts von seinem Unvermögen zu fliegen. Er wird es erst inne beim ersten Flugversuch.

Ich sage Ihnen ein Heilmittel dagegen, meine liebe Tochter: Da Sie noch keine Flügel haben zum Flug und das eigene Unvermögen Ihrem Wollen Schranken setzt, schlagen Sie nicht um sich, haben Sie keine Eile zu fliegen, sondern gedulden Sie sich noch, bis Sie Flügel haben, um gleich den Tauben zu fliegen (Ps 55,7). Ich fürchte sehr, daß Sie etwas zu hitzig auf Ihre Beute losgehen, daß Sie zu ungestüm vorstürmen und Ihre Wünsche etwas zu üppig wuchern lassen. Sie erkennen die Schönheit des Lichtes, das Wohltuende der Entschlüsse; Sie meinen, diese fast in Händen zu haben; die Nähe des Guten weckt in Ihnen ein maßloses Verlangen danach und dieser Heißhunger wiederum drängt Sie voran und Sie möchten sich hinaufschwingen. Aber umsonst, denn der Meister hält Sie an der Stange gekettet oder besser gesagt: Sie besitzen noch keine Flügel. Dabei aber magern Sie ab infolge der andauernden Erregung des Herzens und erschöpfen ständig Ihre Kräfte. – Man soll schon Versuche machen, aber mit Maß, ohne um sich zu schlagen und sich zu erhitzen.

Prüfen Sie gründlich Ihr Vorgehen in dieser Hinsicht. Vielleicht werden Sie erkennen, daß Sie Ihren Geist zu sehr fesseln lassen vom Verlangen nach diesem großen Empfinden, das der Seele das Gefühl der Festigkeit, Beständigkeit und Entschiedenheit verleiht. Sie besitzen diese Festigkeit. Was ist denn Festigkeit anders, denn lieber sterben wollen, als den Glauben verletzen oder aufgeben? Aber Sie haben nicht das Gefühl dieser Festigkeit; hätten Sie es, dann empfänden Sie tausend Freuden. Halten Sie aber ein! Hasten Sie nicht ungestüm! Sie werden sehen, daß Ihr Befinden sich bessern wird. Ihre Flügel werden dann leichter erstarken.

Dieses ungestüme Hasten ist einer Ihrer Fehler. Das ist eben jenes „Ich weiß nicht was", das unbefriedigt ist, es ist ein Mangel an Ergebung. – Sie fügen sich wohl, jedoch mit einem „aber"; denn Sie möchten gerne dies oder jenes haben und Sie schlagen um sich, um es zu erhalten. – Ein einfacher Wunsch ist dieser Ergebung nicht entgegen, wohl aber dieses Zappeln des Herzens, dieses Schlagen der Flügel, diese Erregung des Willens, dieser ständig wiederholte Flugversuch. All das ist Mangel an Ergebung. – Mut, meine liebe Schwester! Da unser Wille Gott gehört, sind wir auch ohne Zweifel sein Eigen. Sie haben alles, was notwendig ist, aber Sie fühlen nichts dabei. Das ist kein großer Verlust. Wissen Sie, was man tun soll? Man muß es gerne annehmen, nicht fliegen zu können, da man eben noch keine Flügel hat.

Sie erinnern mich an Mose. Als der heilige Mann auf dem Berge Pisga anlangte, sah er das ganze Land der Verheißung vor seinen Augen. Es war das Land, das er unter Murren und Auflehnung seines Volkes vierzig Jahre ständig ersehnt und erhofft hatte, mitten in den Härten der Wüste. – Er sah es und betrat es nicht, sondern starb im Anblick dieses Landes (Dtn 34,1-5). Er hielt das Glas Wasser an die Lippen und konnte nicht trinken. O Gott, welch schmerzliche Sehnsucht mußte seine Seele empfinden! Er starb aber viel glücklicher als so manche, die im verheißenen Land starben. Denn Gott erwies ihm die Ehre, ihn selbst zu begraben (Dtn 5,6). Wenn Sie also sterben müßten, ohne vom Wasser der Samariterin (Joh 4,15) getrunken zu haben, was läge schon daran? Wenn unsere Seele nur zugelassen wird, in Ewigkeit an der Quelle und am Born des Lebens zu trinken! (Ps 36,10). Ereifern Sie sich nicht in eitlen Wünschen. Ja, ereifern Sie sich nicht einmal darüber, daß Sie sich nicht mehr ereifern. Gehen Sie ganz ruhig Ihren Weg, denn er ist gut.

Sie müssen wissen, meine sehr teure Schwester, daß ich Ihnen dies schreibe, während viele Dinge mich ablenken. Wenn Sie mein Schreiben konfus finden, ist das kein Wunder, denn ich bin es selber auch, aber Gott sei Dank, ohne Unruhe.

Wollen Sie sehen, daß ich recht habe, wenn ich sage: „was Ihnen fehlt, ist die volle Ergebung"? Sie wünschen wohl ein Kreuz, aber ein selbstgewähltes; Sie wollen ein gewöhnliches, ein körperliches, eines von dieser oder jener Art. Aber was ist das, meine sehr liebe Tochter? Ach nein, ich wünsche, daß Ihr Kreuz und auch meines ganz das Kreuz Jesu Christi sei (Joh 19,25; Gal 6,14), sowohl in der Art, wie es uns auferlegt wird, als auch in der Auswahl. Gott weiß wohl, was er tut und warum er es tut: es ist zweifellos zu unserem Besten. Unser Herr überließ zwar David die Wahl der Rute, die ihn züchtigen sollte (2 Sam 24, 12-14). Gott sei gepriesen; aber mir scheint, ich hätte nicht gewählt, sondern alles seiner göttlichen Majestät überlassen. Je mehr ein Kreuz von Gott kommt, umso mehr müssen wir es lieben.

Nun aber, meine Schwester, meine Tochter, meine Seele (und das ist, wie Sie wissen, nicht zuviel gesagt), sagen Sie mir, ist Gott nicht besser als der Mensch? Ist der Mensch nicht ein wahres Nichts im Vergleich zu Gott? (Jes 40,17). Und doch ist hier ein Mensch, – oder vielmehr das reinste Nichts unter so vielen Nichtsen, der Gipfel aller Armseligkeit, – der das Vertrauen, das Sie ohne jedes Gefühl auf ihn setzen, um nichts weniger liebt, als wenn Sie alle Gefühle der Welt hätten. Wie sollte dann Gott Ihren guten Willen nicht für gut finden, auch wenn er ganz ohne Gefühl ist? Ich bin, sagt David (Ps 119,23), wie ein Schlauch am Rauch des Feuers ausgedörrt; man weiß nicht, wozu er dienen soll. – Aber mag es noch soviel Trockenheit und innere Leere geben, wenn wir nur Gott lieben!

Mit all dem sind Sie aber noch immer nicht in dem Land, wo es überhaupt kein Licht mehr gibt; manchmal ist es doch wieder Tag in der Seele und Gott sucht Sie heim. Ist er nicht gut? Scheint es Ihnen nicht so? Ich glaube, daß dieses Auf und Ab Ihnen alles nur sehr schmackhaft machen soll. Ich heiße es aber doch gut, daß Sie dem guten Heiland Ihr Leid klagen, aber liebevoll und ohne Ungestüm; er möge sich – wie Sie sagen – wenigstens von Ihrem Geist finden lassen. Er gefällt sich darin, daß wir ihm das Leid sagen, das er uns bereitet, und daß wir uns über ihn beklagen, vorausgesetzt, daß es liebevoll und demütig geschehe und ihm selbst gegenüber, wie es die kleinen Kinder tun, wenn ihre liebe Mutter sie gezüchtigt hat. Indessen müssen wir noch ein wenig Leid ertragen und zwar in aller Ruhe.

Ich halte es nicht für unrecht, den Heiland zu bitten: „Komm in unsere Herzen!" Nein, da ist auch gar kein Schein von Bösem.

Der Herr weiß auch, daß ich seit meiner Abreise aus Ihrer Stadt niemals ohne Sie die heilige Kommunion empfing. Gott will, daß ich ihm diene im Erdulden von Trockenheiten, Ängsten, Versuchungen, wie Ijob und der hl. Paulus – und nicht im Predigen. Dienen Sie Gott so, wie er es will. Sie werden sehen, daß er eines Tages alles tun wird, was Sie wollen, ja noch mehr, als Sie je wünschen könnten.

In der halbstündigen geistlichen Lesung können Sie folgende Bücher lesen: Granada, Gerson,13 „Das Leben Jesu Christi" von Ludolf dem Kartäuser (aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt), Mutter Theresia, „Die Abhandlung über das Leiden", die ich Ihnen bereits im vorhergehenden Brief angab.

Ach, werden wir nicht eines Tages alle zusammen im Himmel sein, um Gott ewig zu preisen? Ich hoffe es und freue mich dessen.

Ihr dem Herrn gemachtes Versprechen, nie zu verweigern, um was Sie in seinem Namen ersucht werden, soll Sie zu nichts anderem verpflichten, als Gott ganz zu lieben. Das heißt: Sie könnten es wohl auch falsch auslegen, wenn Sie mehr geben wollten, als recht ist, und wenn Sie sinnlos gäben. Das Versprechen muß also so verstanden werden, daß Sie es unter Wahrung des rechten Maßes erfüllen wollen. Und es sagt also nicht mehr, als daß Sie Gott ganz lieben und sich bemühen wollen, so zu leben, zu reden, zu tun und zu geben, wie er es will.

Ich behalte das Psalmenbuch und danke Ihnen für die Musik dazu. Ich verstehe allerdings nicht das geringste davon, liebe sie aber sehr, wenn sie zum Lobpreis des Herrn dient.

Fürwahr, wenn Sie wünschen, daß ich rasch antworte und – ohne Zeit zu haben – Zeit zum Schreiben finden soll, so schicken Sie mir wieder diesen guten Herrn (Rose); denn, offen gesagt, er hat mir letztesmal derart zugesetzt, daß es nicht zu überbieten war; er hat mir auch keinen einzigen Tag Aufschub gewähren wollen. Ich möchte nicht Richter sein in einem Prozeß, den er betreiben würde.

Ich kann die Anrede „Gnädige Frau" nicht lassen. Der heilige Evangelist Johannes gebraucht das gleiche Wort in dem Brief an Frau Elekta. Wie könnte ich mir anmaßen, zu glauben, daß ich Ihnen in Liebe näherstehe, als Johannes jener Frau Elekta. Und sollte ich mich weiser dünken als der hl. Hieronymus, der seine fromme Eustochium gleichfalls „Gnädige Frau" nennt? Ihnen jedoch will ich verbieten, mich mit Monseigneur anzureden. Wenn dies auch bei Ihnen gegenüber Bischöfen so üblich ist, bei uns nicht, und ich liebe die Einfachheit.

Sie dürfen ruhig eine Heilige Messe wöchentlich zu Ehren Unserer lieben Frau geloben. Ich möchte aber, daß dieses Versprechen nur für ein Jahr gelte; Sie können es allenfalls erneuern. Beginnen Sie damit an Maria Empfängnis, dem Tag meiner Weihe, an dem ich das große und erschreckende Gelöbnis ablegte, mich dem Dienst der Seelen zu weihen und, wenn nötig, für sie zu sterben. Der Gedanke daran müßte mich erschaudern lassen. – Gleiches gilt auch vom Rosenkranz und vom Ave maris stella.

In dieser Antwort achtete ich weder auf Ordnung noch auf Maß; der Überbringer nahm mir ja jede Möglichkeit dazu.

Wie ich bereits eingangs erwähnte, erwarte ich jetzt in aller Ruhe einen schweren Sturm, der mich ganz persönlich betrifft. Ich bin aber dabei froh gestimmt und mit dem Blick auf die Vorsehung Gottes habe ich die Hoffnung, daß dies zu seiner größeren Ehre, zu meinem inneren Frieden und zu noch viel anderem dienen wird. Ich bin nicht sicher, daß dieser Sturm wirklich hereinbricht, ich bin nur von ihm bedroht. Aber wozu sage ich Ihnen das? Weil ich nicht anders kann; mein Herz muß sich dem Ihren weit öffnen; und da ich in der Erwartung des Kommenden voll Trost und Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang bin, warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? Aber nur Ihnen allein, ich bitte Sie.

Ich bete innig für unseren Celse-Benigne und für die kleine Mädchenschar; ich empfehle mich auch ihren Gebeten. Vergessen Sie nicht, für mein Genf zu beten, daß Gott es bekehre. Bringen Sie dem guten geistlichen Vater – Sie wissen, wen ich meine – in allem große Hochachtung und Ehrfurcht entgegen, ebenso dem Kreis seiner Schützlinge, damit diese bei Ihnen nur echte Sanftmut und Demut sehen. Wenn man Ihnen Vorwürfe macht, bleiben Sie ruhig, bescheiden und geduldig. Was Sie sagen, soll wahrer Demut entspringen. So muß es sein.

Gott sei immerdar Ihr Herz, Ihr Geist, Ihre Ruhestätte, und ich bin, Gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener im Herrn ...

Meine kranke Mutter grüßt Sie ergebenst und stellt Ihnen ihre bescheidenen Dienste und die ihres ganzen Hauses zur Verfügung. Ich bin so in Eile, daß ich die Seiten verwechselt habe, aber Sie können alles an Hand der Nummern ordnen. Gott sei Ehre und Ruhm! (1 Tim 1,17).

Am Tag der Darbringung unserer Lieben Frau, 21. November 1604.

Heute früh, am Fest der hl. Cäcilia, füge ich noch etwas hinzu: Der Ausspruch unseres hl. Bernhard: „Die Hölle ist voll von guten Vorsätzen und Wünschen", soll Sie in keiner Weise beunruhigen. Es gibt zwei Arten von guten Vorsätzen: Der eine sagt: „Ich möchte es eigentlich tun, aber es ist mir lästig, ich werde es darum nicht tun." Der andere sagt: „Ich will gewiß gut handeln, aber ich habe nicht so viel Kraft wie guten Willen, und das hält mich auf." Die erste Art von Vorsätzen füllt die Hölle, die zweite den Himmel. Die erste enthält nur einen Ansatz zum Wollen und Streben, führt aber das Wollen nicht zu Ende; solchen Wünschen fehlt es an Mut, es sind nur „Fehlgeburten" des Willens, darum füllen sie die Hölle. Die zweite Art aber bringt ganze und klar geformte Wünsche hervor. Darum wurde Daniel „Mann der Wünsche" genannt.

Unser Herr möge Ihnen den dauernden Beistand seines Heiligen Geistes schenken, meine Schwester und ganz liebe Tochter!

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